Bugatti Historie – Die blaue Fabrik in Campogalliano

Molsheim
August 08, 2019

blaue fabrik

Ab 1991 entstehen in der Emilia-Romagna die extremsten Supersportwagen der Welt.

Campogalliano, Provinz Modena in der Emilia-Romagna. Für Bugatti-Fans immer noch ein wichtiger Ort. Hier erschuf der Italiener Romano Artioli Ende der 1980er-Jahre eine der modernsten Automobilfabriken der Welt und den extremsten Supersportwagen seiner Zeit – den Bugatti EB110.

Nur fünf Jahre baut Artioli den Supersportwagen im Werk in Campogalliano, doch vergessen ist die Zeit nicht. Noch immer existieren die Gebäude, können sogar manchmal in einer Führung besichtigt werden. Ein atemberaubender Komplex, noch heute.

Artioli gründet 1987 in Luxemburg die Holding Bugatti International, mit dem festen Willen, den besten und schnellsten Supersportwagen der Welt zu bauen. Um einfacher hochqualifizierte Mitarbeiter zu akquirieren, sucht er in der Nähe der Supersportwagen-Marken Italiens nach einem Grundstück – und wird in Campogalliano bei Modena fündig. In der Nachbarschaft von Ferrari, Maserati, De Tomaso und Lamborghini entsteht in den folgenden Jahren mit hohem planerischem Aufwand auf 240.000 Quadratmetern die modernste Automanufaktur der Welt, direkt an der Autobahn 22. Dazu gehören das Hauptverwaltungsgebäude mit dem Designstudio, die Motor- und Testentwicklung, Produktionshallen, Teststrecke, Nobel-Kantine und Ausstellungsraum.

„Mit dem Werk in Campogalliano ging Romano Artioli einen Kompromiss ein. Er war sich der französischen Bedeutung von Bugatti sehr bewusst, benötigte aber die Nähe erfahrener Sportwagen-Ingenieure“, sagt Stephan Winkelmann, Präsident von Bugatti. „Durch sein großes Engagement belebte Artioli die Marke Bugatti wieder und trug mit dem EB110 zur stolzen Geschichte bei. Dafür gebührt ihm heute noch unseren Respekt.“

 

Star-Architekt entwirft neue Produktionsstätte

Star-Architekt Giampaolo Benedini entwirft den Firmensitz für rund 200 Mitarbeiter. Sein Auftrag: Eine Produktionsstätte zu bauen, die schön im Design und auf dem neuesten Stand der Technik ist, gleichzeitig so modern, avantgardistisch und einzigartig wie ein Bugatti-Fahrzeug. Dabei symbolisiert das blaue Gebäude der Entwicklungsabteilung mit dem Bugatti-Emblem und den großen weißen Lüftungsrohren das Herz der Fabrik.

Statt langer, dunkler Fabrikanlagen durchflutet Licht die Räume. Anstelle reiner Produktionsboxen entwirft Benedini Hallen mit Radien an den Kanten, die Wände leuchten im typischen Bugatti-Blau oder Blütenweiß – eine Nebeneinanderstellung von Trapezelementen mit dem EB-Logo. Schnöder Industrieboden kommt nicht in Frage, in einigen Räumen werden Carrara-Marmor, Kristall und Edelstahl eingesetzt, der Empfang mit Mosaiken ausgelegt.

Im vollständig verglasten Gebäude liegen die Büros für Forschung und Entwicklung. Die Jalousien des runden Gebäudes mit seiner Glasfassade passen sich automatisch dem Tageslicht an, damit die Mitarbeiter immer die besten Arbeitsbedingungen erhalten. Der erste Stock bietet Platz für einen offenen Ausstellungsraum, der für spezielle Anlässe wie Galadinners oder Autoauslieferungen an Kunden prädestiniert ist. Dazu kommen auf dem Gelände klar erkennbare Strukturen sowie viele EB-Embleme hinzu. Ein heller großer Raum dient als zentraler Treffpunkt und Begegnungsstätte für die Bugatti-Familie: Mitarbeiter, Sponsoren, Kunden, Besucher und Fans. Artioli will wie schon Firmengründer Ettore Bugatti die Mitarbeiter als Familie zusammenführen, zu einem großen Ganzen.

Französisches Erbe steckt im neuen Werk

Das französische Erbe wird beim Bau und der Einrichtung offensiv gezeigt: Aus dem historischen Werk in Molsheim importiert Artioli eine antike Holztür, durch die einst Ettore Bugatti schritt, und integriert sie in seinem neuen Gebäude als Hommage. In der Empfangshalle zeugen Original-Zeichnungen von Ettore Bugatti, französische Fahnen vom Ursprung der Marke, daneben parkt ein historischer Type 35. Die Hallendecke des Ausstellungsraums ist einem Rad des historischen Type 59 nachempfunden.

Nach dreijähriger Bauzeit wird das neue Werk am 15. September 1990 eingeweiht – kein zufälliges Datum. Es ist der 109. Geburtstag Ettore Bugattis. Zur Feier fährt eine Gruppe mit 77 historischen Bugatti-Fahrzeugen von Molsheim nach Campogalliano. Vor einem Kühler hing eine Fackel – als Symbol für die Wiedergeburt der Marke.

„Giampaolo Benedini entwarf eine moderne und umwerfende Architektur für eine Fabrik, die heute noch modern wirkt, quasi zeitlos schön ist“, sagt Achim Anscheidt, Chefdesigner bei Bugatti. „Doch nicht nur das. Nebenbei gab er dem EB110 den finalen Design-Schliff und schuf einen ikonenhaften Sportwagen der Superlative.“

Neuer Supersportwagen entsteht ab 1991

Ein Jahr später wird erstmals ein wieder ein Bugatti seit 1956 präsentiert, der Supersportwagen EB110. Drei Fahrzeuge fahren auf dem Champs-Élysées in Paris, am 15. September 1991 – Ettore Bugattis 110. Geburtstag. EB steht für Ettore Bugatti, 110 für seinen 110. Geburtstag. Das Coupé ist eine Sensation: 3,5-Liter-V12-Motor, fünf Ventile pro Brennraum, vier Turbolader, permanenter Allradantrieb, Sechsgang-Getriebe und eine Leistung zwischen 560 und 610 PS. Das Monocoque besteht aus Carbon. Einzigartig. Der EB110 ist damit der modernste Supersportwagen und seinen Wettbewerben um Jahre voraus. Von 0 auf 100 km/h sprintet der EB110 in bis zu 3,3 Sekunden und gilt das schnellste Serienauto seiner Zeit. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 351 km/h. Weltrekord für einen Seriensportwagen. Nicht nur das: Mit dem EB110 stellt Bugatti insgesamt vier Weltrekorde auf: für die schnellste Beschleunigung, den schnellsten Seriensportwagen, den schnellsten mit Gas betriebener Sportwagen und das schnellste Serienauto auf Eis.

Doch der Markt für Supersportwagen bricht zur gleichen Zeit ein, die Nachfrage sinkt dramatisch. Als Artioli Lieferanten nicht mehr bedienen kann, wird die Produktionsstätte geschlossen. Bis 1995 entstehen in der Manufaktur in Campogalliano nur rund 96 EB110 GT und 32 EB110 Super Sport. Die 1993 präsentierte Luxuslimousine EB112 wird nicht mehr ausgeliefert. Im Juli 1995 geht das italienische Abenteuer in Campogalliano zu Ende, ein letzter Eintrag im Gästebuch des Hauptgebäudes vermerkt noch ein paar Gäste.

Seitdem sind die Fabrikhallen verlassen. Doch noch heute ist das Gelände begehbar, bleibt ein Zeitzeuge längst vergangener Tage. Der ehemaliger Hausmeister Ezio Pavesi kümmert sich weiterhin um das Werk. Aus Treue und Leidenschaft zur großartigen Marke. Der Bugatti-Geist ist allgegenwärtig. An dem blau eingefärbten Gebäude der Entwicklungsabteilung schimmert das Bugatti-Emblem durch, die Namen einiger Sponsoren blättern langsam ab.

Die Marke Bugatti und seine aktuellen Hypersportwagen strahlen längst wieder – heller denn je. 1998 erwachte der Mythos Bugatti erneut, als das Unternehmen zurück ins französische Molsheim zog. Seit 2005 entstehen im Elsass, dort wo vor rund 110 Jahren Ettore Bugatti seine Firma gründete, exklusive Hypersportwagen wie der Chiron1 und Divo2 in Handarbeit. Das Château, die Remise Nord und Süd sowie das Atelier sind seitdem Anziehungspunkt von Bugatti-Fans aus der ganzen Welt. Bugatti hat sich bei der Neugründung bewusst wieder zu seinen französischen Wurzeln bekannt und genau dort die Marke neu erschaffen, wo sie 1909 einst gegründet wurde – und um an Erfolge wieder anzuknüpfen.

 

1 Kraftstoffverbrauch, l/100km: innerorts 35,2 / außerorts 15,2 / kombiniert 22,5; CO2-Emission kombiniert, g/km: 516; Effizienzklasse: G

2 Kraftstoffverbrauch, l/100km: unterliegt nicht der Richtlinie 1999/94/EG, da Gesamtbetriebserlaubnis derzeit noch nicht vorliegt.

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